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Nein, natürlich soll das kein Artikel über den gefährlichen Wolf werden und mein Beitrag soll auch keine abgedroschenen Klischees bedienen, aber irgendwie passt, oder besser gesagt passte die Redewendung einfach zu Frau Alma.

Denn jahrelang führte Frau Alma ein Doppelleben: Auf der einen Seite ein freundlicher Hund, der sich über Leckerlie-spendende Menschen freut, der hübsch aussieht und mehr oder weniger gut erzogen ist und im nächsten Moment konnte sie eine aufgebrachte, wütende, aggressive und rasende Leinen-Motzerin sein, die jeden Hunde vermoppen wollte, der sich ihr auch nur annähernd näherte.

Es war ein Spießroutenlauf. Kleine Runden um das Haus waren ebenso anstrengend, wie Spaziergänge im Park. Mich überkam Panik, wenn andere Hunde unangeleint auf uns zu rannten oder Hundebesitzer ihre Hunde mit Flexileine, entgegen aller Warnungen, zu Alma ließen. Der will doch nur mal guten Tag sagen! Vielen Dank!

Und es wurde immer schlimmer mit Alma. Jeder Hund auf der anderen Straßenseite war eine potentielle Gefahr und wurde schon von Weitem fixiert und angegiftet. Und ja, sie hat auch andere Hunde gebissen, da gibt es einfach nichts zu beschönigen.

Ich habe mich in meiner Verzweiflung an wirklich viele Hundetrainer gewandt, immer in der Hoffnung, hilfreiche Tipps zu erhalten. Ich hätte in dieser Zeit ein Buch über Hundetrainer schreiben können, bei Erst-Besuchen wurde ich immer versierter, ich wusste bald schon, welche Fragen mir gleich zur Analyse gestellt werden würden und mein Budget wurde um die Rubrik Hundebücher erweitert.  Von ihnen erhoffte ich mir mehr Einblicke in das Seelenleben meines Hundes.  

Und dann war ich es irgendwann leid: die Spaziergänge, die nur noch aus Training bestanden und die ewige Suche nach Gründen für Almas Verhalten. Ich beschloss die Situation so zu nehmen, wie sie war. Alma mochte keine anderen Hunde an der Leine – na gut, dann musste ich sie ihr so gut es geht vom Leib halten, sie möchte nicht vergnügt auf der Hundewiese mit anderen Hunden spielen – dann gingen wir eben unseren eigenen, etwas einsameren Weg.

Als wir dann innerhalb Halles umzogen, hatte Alma jedoch auch erstmals die Möglichkeit, ohne Leine anderen Hunden zu begegnen. Sie konnte sich nun einmal von einer ganz anderen Seite zeigen: Streitigkeiten ging sie aus dem Weg und mit Rüden ihres Beuteschemas wurde teils heftig geflirtet. Mit zunehmender Zahl dieser angenehmen Begegnungen wurden Alma und ich immer entspannter. Ich lernte endlich, Frau Alma zu vertrauen und hatte nicht permanent Angst, dass ein anderer Hund verletzt werden würde.

Natürlich wäre es zu einfach, zu sagen, dass Almas Entwicklung gänzlich ohne Training ausgekommen ist. Man darf eben nicht vergessen, dass wir zusammen viel Vorarbeit geleistet haben, bei der wir lernten, aufeinander zu achten und ich Alma auch Grenzen setzen musste.

Heute kommt Alma sehr gut mit anderen Hunden aus, aber ich treffe nach Möglichkeit eine „Vorauswahl“ der Hunde. Beim Casting besteht, wer nicht zu aufdringlich und rumpelig ist, das mag Frau Alma nämlich so gar nicht und wer auf die Körpersprache des Hundekumpels reagiert. So hat auch Alma die Möglichkeit, immer mehr aus ihrem Ausdrucks-Repertoire zu schöpfen.  Bestimmt ist es ein befremdlicher Anblick, wenn ich mich darüber freue, dass Frau Alma andere Hunde auch mal wegknurrt, wenn es ihr zu viel wird, aber diese Verhaltensweise hat sie früher nun einmal fast gar nicht gezeigt. Ich bemerke immer noch, dass Alma ihren hündischen Wortschatz von Woche zu Woche erweitert und so immer mehr an Sicherheit im Umgang mit ihren Artgenossen gewinnt.  

Manchmal ist weniger Training vielleicht auch mehr und manchmal ist es für beide Seiten vielleicht auch einfacher, bestimmte Eigenheiten zu akzeptieren, um einen gemeinsamen Weg gehen zu können und nicht immer nach einer Umleitung suchen zu müssen.  Das Abwägen darüber ist schwierig und wird sich immer von Fall zu Fall unterscheiden. Jeder Hundehalter wird selbst reflektieren müssen, wann Grenzen erreicht sind und welche Management-Maßnahmen den Alltag erleichtern können.

Bleibt noch die Gretchen-Frage: Ist Alma nun gut sozialisiert? Ja, ist sie! Sie begegnet Hunden höflich, ist nicht aufdringlich, kann sich verständigen, aber sie gibt auch zu verstehen, wann es ihr reicht. Für mich muss ein gut sozialisierter Hund sich eben nicht über den Haufen rennen oder besteigen lassen. Ein Hund kann sich auch wehren, es kommt nur eben auf die Dosis an und da hat Frau Alma in den zurückliegenden Jahren einiges gelernt!

 

Wir wünschen allen Wölfchen und Schäfchen einen guten Start in die neue Woche!

 

Eure Frau Alma und Anja

 

 

 

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