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Alma und ich sind heute morgen mit unserem Herzensmann zu einer großen Runde in den nahegelegenen Stadtparkt aufgebrochen. Alma und ich sind gerne dort. Der Park gilt als einer der schönsten englischen Landschaftsparks Deutschlands und erstreckt sich über 25 Hektar. Es gibt zahlreiche Wiesen und abgelegene Wege, das kleine Flüsschen, auch Taube Elbe genannt und ein Café. Eigentlich kann man in diesem Park stundenlang umherstreifen. Eines steht jedoch fest, wenn wir uns für den Stadtpark entscheiden: Alma muss an die Leine. Im Stadtparkt herrscht, außer auf speziell ausgewiesenen Hundewiesen, Leinenpflicht und unabhängig davon wimmelt es im Stadtpark nur so von Wild – Rehe, Wildschweine, Waschbären, Nutrias, Dachse – die Bandbreite der heimischen Fauna ist gewaltig. Das ist übrigens auch ein Grund dafür, warum viele unserer Freunde den Stadtpark meiden. Für Alma und mich ist dies jedoch oft Grund genug, der grünen Lunge unserer Stadt mal wieder einen Besuch abzustatten. Das klingt paradox, ist es aber nicht.

Alma ist ein ausgesprochen jagdlich ambitionierter Hund. Wildspuren sind ihre Leidenschaft und wenn sie könnte, wie sie wöllte, würde sie natürlich auch Wild aufspüren und hetzen. In unseren ersten gemeinsamen Jahren bin ich daran fast verzweifelt. Es ist nicht leicht, die Veranlagung seines Hundes zu akzeptieren, wenn sie einen in vielen Situationen einschränkt und an die Grenzen treibt. Freilauf auf der Hundewiese? Auf einer Hundewiese im Stadtpark? Beinahe immer unmöglich. Alma braucht keine Spur, um im zuverlässigen Jagdmodus auf Touren zu kommen, weil sie nach all den Jahren sehr genau weiß, wo sich die Rehe und Wildschweine versteckt halten. Ich möchte an dieser Stelle gar nicht so weit ausholen. Wer unsere Geschichten verfolgt weiß, dass Alma ausgelastet wird, dass ich ihr Alternativverhalten anbiete etc. Aber so sehr man sich auch ins Zeug legt, die Jagd wird immer ihre größte Leidenschaft sein und heute kann ich sagen, das ist auch gut so!

Wenn Alma ein Reh sichtet, dann kann man eine Seite an ihr beobachten, die uns besonders im Alltag oft verborgen bleibt. Alma geht aus sich raus, fiept vor Aufregung, blüht förmlich auf und wächst auch nach fast 12 Hundejahren immer noch über sich hinaus. Zuhause kann sie dafür stundenlang auf der Couch liegen und steht manchmal vor 10.00 Uhr nicht auf. Die Jagd ist ihr Lebenselixier. Es gibt viele Hunderassen, die ihre Leidenschaften ausleben können, Almas Mischung gehört nicht dazu. Wenn Alma in der Leine hängt und großer Entfernung Wild gewittert hat, sich dann in freudiger Erwartung umdreht und nicht versteht, dass sie nicht auf die Jagd gehen darf, macht mich das manchmal sehr traurig. Es wird ihr eigentlich täglich verwehrt, ihre Passion auszuleben. Vielleicht ist es vergleichbar mit den vielen Berufstätigen, die ihre Arbeit gerne machen, aber tief in ihrem Inneren von einer ganz neuen Herausforderung träumen: Statt im Büro zu sitzen, wollen sie vielleicht am liebsten als Maler, Schriftsteller und Tierpfleger arbeiten oder die Selbstständigkeit mit einem eigenen Café wagen.

Für Alma bedeuten unsere Runden im Stadtpark, dass sie zumindest einen sehr kleinen Teil ihrer Leidenschaft in die Tat umsetzen kann. Sie kann wittern, folg (gesichert an der Schleppleine) Spuren am Rand der Wege (und ja, es sind sehr sehr viele Spuren) und wenn sie Glück hat, sieht sie aus sicherer Entfernung (vom Weg aus) die Rehe in ihren Verstecken.

Früher wäre ein solcher Spaziergang ein herber Rückschlag für mich gewesen. Ich hatte damals das Unmögliche versucht und dabei die angeborene Leidenschaft von Alma aus den Augen verloren. Heute gehen wir beide glücklich nach Hause, weil ich gelernt habe mit solchen Situationen umzugehen. Alma muss nicht immer nur gedanklich bei mir sein, sie muss nicht den Dummy dem Reh vorziehen, wenn sie es 30 Meter weiter im Unterholz wittert. Die Momente im Stadtpark gehören ihr. Dabei ist es absolut faszinierend, wie sie Spuren verfolgt, Gerüche aufnehmen kann und mit welcher Akribie und Gewissenhaftigkeit sie arbeitet. Als Alma vor ach Jahren bei mir einzog, sind wir in den Stadtpark gegangen, um zu trainieren. Heute entscheide ich mich für den Stadtpark, weil Alma auch aus mir eine viel bessere Beobachterin gemacht hat. Ich freue mich, Spuren zu sehen, Vögel zu bestimmen, Dinge zu finden, die dem „normalen“ Spaziergänger nicht auffallen, wie die Höhlen der Nutrias, die Zähne eines Wildschweines, oder die Zaunkönigfamilie, welche gerade ihre winzigen Zöglinge füttert.

Wie Alma geht es gewiss vielen Hunden, die eigentlich für die Jagd bestimmt sind, aber in diesem Bereich nicht eingesetzt werden (können). Als Alma bei mir einzog, war ihr Jagdtrieb für mich nicht abzuschätzen und als Hundeanfänger hatte ich keine Ahnung, welche Rassen und Talente in Alma schlummerten. Manchmal frage ich mich, ob es Alma hätte besser treffen können. Aber als jagdlich unausgebildeter Mischling in mittleren Jahren, mit Aggressionen gegenüber Artgenossen und später folgenden großen gesundheitlichen Problemen von einem überaus freundlichen und verständnisvollen Jäger oder Förster adoptiert zu werden, ist wahrscheinlich sehr utopisch.

 

Als wir heute von unserer Runde heimkehrten, ist Alma im Traum noch einmal den Stadtparkt abgelaufen. Man konnte es genau sehen. Ich würde sagen, wir waren beide glücklich.

 

Eure Anja und Frau Alma 

 

 

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