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Gestern habe ich einen Onlineartikel gelesen, der sich mit dem Thema auseinandersetzt, wie sehr kranke Haustiere ihre Besitzer belasten können (hier geht´s zum vollständigen Artikel). Amerikanische Forscher befragten dazu Hunde- sowie Katzenbesitzer und kamen zu dem Schluss, dass „die Pflege eines schwerkranken Haustieres Stress, Angst und Depressionen nach sich ziehen [kann].“ Hätte ich an dieser Umfrage teilgenommen, wäre das Ergebnis vermutlich nicht anders ausgefallen. Denn auch wenn ich immer für Frau Alma da bin und alles für sie tun würde, und ja tatsächlich auch tue, so bin ich gerade in den letzten drei Jahren in vielen Situationen an meine Grenzen gestoßen. Bei einem kranken Tier wird in erster Line das Mitgefühl und die Führsorge aktiviert, bei dem Besitzer selbst, aber auch bei Verwandten, Freunden oder flüchtigen Bekannten. Dass die Pflege aber meist auch sehr viel Arbeit erfordert und die Betreuung eines schwerkranken Haustieres sehr intensiv ist, wird gerade von der Umwelt erst auf den zweiten oder dritten Blick wahrgenommen. So bleibt man oftmals ein Einzelkämpfer mit relativ wenig Verständnis von außen.

Almas schlimmste Zeiten erlebte ich, als ich eigentlich mitten in meiner Staatsexamensarbeit und den Abschlussprüfungen meines Studiums steckte. Alma lag fast wochenlang nur noch in ihrem Bett, stand nicht für gemeinsame Spaziergänge auf und hatte sichtlich starke Schmerzen. Die Tierarztbesuche die darauf folgten bestimmten unseren Wochen- bzw. Tageslablauf. Als dann die Vermutung im Raum stand, Alma könnte an einem Lebertumor erkrankt sein, war an ein normales Weitermachen nicht zu denken, geschweige denn an das Schreiben meiner Arbeit. Eigentlich verbrachte ich die Tage zum CT nur damit, auf der Couch zu liegen und zu weinen. Als alleinerziehendes Frauchen konnte ich zwar auf die Unterstützung meiner Eltern und meines Partners (wir wohnten zu diesem Zeitpunkt noch in unterschiedlichen Städten) hoffen, aber am Ende war ich doch allein mit unserem Alltag. Wahrscheinlich hätte man mir auch gar nicht helfen können, denn einen Trost gibt es in diesem Moment eben nicht. Zum Glück hat sich der Verdacht dann doch nicht bestätigt und zumindest hinter diesem Kapitel konnten wir einen Haken setzten. Drei Monate später erkrankte sie jedoch an einer Lungenentzündung und es stand gar nicht gut um sie. Meine Tage bestanden dann aus unzähligen Tierarztbesuchen, Tablettengaben, kurzen Runden, gemeinsamem Inhalieren mit Alma und einem scheinbar unerklimmbaren Berg aus ganz vielen Sorgen. Am Ende war Alma eine grandiose Kämpferin und ich eine schnelle Schreiberin. Und, das am Rande – meine Staatsexamensarbeit ist trotzdem etwas geworden!

Aber es müssen noch nicht mal diese schwerwiegenden Krankheitsphasen sein, die einen als Besitzer eines kranken Haustieres manchmal verzweifeln und straucheln lassen. Ich erinnere mich noch sehr gut an die Phase, in der Almas Inkontinenz, übrigens eine unbrauchbare Nebenwirkung der medizinisch notwendigen Kastration, auch mit Medikamenten nicht in den Griff zu bekommen war. Alma verlor nicht nur Tropfen, sondern hinterließ ganze Seen, die selbst mit einem speziellen Hundeschlüpfer nicht aufzufangen waren. Und diese Seen waren überall. Es gab Tage, da kamen wir nach einem langen Spaziergang nach Hause und das Drama nahm nur zehn Minuten später seinen unaufhörlichen Lauf. An manchen Abenden bin ich im Viertelstundentakt mit ihr rausgegangen, immer in der Hoffnung, dass es dieses Mal auch das letzte Mal sein würde. Wenn man dann nur noch am Wischen ist, mit dem Waschen von Decken, Kissen etc. kaum mehr hinterherkommt, dann folgt unausweichlich auf das Gefühl der Verzweiflung die Wut. Natürlich richtete die sich niemals gegen meinen Hund, schließlich litt sie genauso unter der Situation wie ich. Meine Wut verstreute sich mehr oder weniger in diffusen Richtungen: Warum hatte Alma eigentlich bei allen Krankheiten hier geschrien? Warum renne ich fast jede Woche zum Tierarzt und manche Besitzer sehen die Praxis höchstens einmal im Jahr für den obligatorischen Impftermin von innen? – Natürlich gibt es darauf keine Antworten, wenn man sich vor einer Situation sieht, die scheinbar nicht mehr zu verbessern ist und für Hund und Besitzer mehr als stressig ist, dann spielen eben auch die Emotionen verrückt. Kranke Haustiere stellen ihre Besitzer vor die Herausforderung, für sie einerseits so gut wie nur möglich sorgen zu wollen und andererseits die Pflege mit dem Berufsleben vereinbaren zu müssen. Bisher habe ich noch keinen Chef kennengelernt, der auf meinen kranken Hund Rücksicht genommen hätte. Mit einem Kind ist das vielleicht in vielen Situationen einfacher, da man dann ggf. Anspruch auf einen Krankenschein hat und einem Verständnis für die Betreuung und Pflege des Kindes entgegengebracht wird.

Anfang dieses Jahres erhielt Alma im Zwei-Wochen-Takt erst die Diagnose der Epilepsie, dann der Herzinsuffizienz und als krönenden Abschluss auch noch die Bestätigung einer Kehlkopflähmung. Ich hatte das Gefühl, als könnte ich unserem Kartenhaus aus Behandlungen, Tierarztbesuchen, Medikamente usw. beim Einstürzen zuschauen. Das Gefühl der Hilflosigkeit ist für mich dabei das Schlimmste – zu wissen, dass man doch alles tun würde, aber alles eben manchmal nicht ausreicht. Und so paradox es auch sein mag, aber ich habe gelernt, dass es gerade in diesen Momenten wichtig ist, sich kleine Freiräume zu schaffen. Das bedeutet nicht, dass Alma nicht versorgt, geliebt und gepflegt wird, sondern dass man als Besitzer eines kranken Hundes in manchen Situationen auch an sich denken muss, weil unsere Hunde eben starke Frauchens und Herrchens an ihrer Seite benötigen. Mal Kaffeetrinken gehen ohne Hund, mal ein Besuch im Kino oder ein kleiner Schlenker durch die Läden helfen zuweilen, das Gedanken-Karussell um den geliebten Vierbeiner kurz anzuhalten und neue Energie zu tanken! Schließlich braucht man die für die Weiterfahrt umso mehr!

 

In diesem Sinne wünsche ich euch einen erholsamen Sonntag!

 

Eure Anja mit Frau Alma

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