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Goethe und Schiller wären vor Neid erblasst, hätten sie es gelesen – unser Drama in 5 Akten. Es passierte heute morgen. Eigentlich bahnte es sich bereits gestern Abend an. Man brauchte nur die Wettervorhersage zu studieren. Dauerregen. Hohe Niederschlagsmengen. Überschwemmungsgefahr. Der Konflikt spitzte sich in den frühen Morgenstunden zu, als der Wecker klingelte, das Frauchen aus der Dusche kam und beschloss, dass es Zeit wäre, mit dem Hund eine Morgenrunde zu gehen. Wohlgemerkt eine kleine Runde, weil man um das Drama wusste, was folgen könnte. An dieser Stelle offenbart sich der innere Konflikt unserer vierbeinigen Hauptdarstellerin. Auf der Jagd passiert sie wilde Flüsse, schwimmt und rennt Rehen und Nutrias hinterher und scheut nicht davor zurück, Brennnesseln und Dornen zu bezwingen und dann ist da dieser kitschige Regenmantel notwendig, um sie überhaupt ins Freie zu befördern. An diesem Morgen kamen die schlechtesten Faktoren zusammen, die man sich für eine entspannte Runde vorstellen kann: Frauchen hat Rücken, einen schlimmen Rücken sogar, Alma hat bereits Dank des geöffneten Fensters Wind davon bekommen, dass letzterer heute ziemlich nass ist, Herrchen ist nicht da, um Frauchen beim Transport einer lahmgelegten Speckbohne zu unterstützen und alles, wirklich alles, ist nass. Zum Fahrstuhl habe ich es mit Alma noch relativ einfach geschafft, vor seiner Ankunft bricht sie förmlich auf dem Abtreter unserer Nachbarn zusammen, als hätte sie der Betäubungspfeil eines australischen Riesenkängurus getroffen. Die acht Meter vom Fahrstuhl zur Haustür kommen mir dann jedoch unendlich lange vor. Wir müssen vier kleine Stufen überwinden. Für Alma die erste reale Chance das Blatt zu wenden, denn Frauchen hat Rücken und 27 Kilo können schwer sein, sehr schwer. Denkste!, denke ich und fühle mich wie eine russische Gewichtsheberin am Ende der Erwärmung. Ich wünschte mir in diesem Moment ein Stirnband, einen Camouflage-Ganzkörperanzug und Tarnschminke, die das Potential hätten, mich noch gefährlicher aussehen zu lassen. Das retardierende Moment in einem Drama zögert den Höhe- bzw. Wendepunkt hinaus. Für einen Wimpernschlag ist ein anderer Ausgang als erwartet durchaus denkbar. Die vier Stufen unseres Hausflures sind das retardierende Moment in dem Kampf zwischen Trocken und Nass, Frauchen und Hund, Sklaverei und Freiheit. Ich gewinne.

Es regnet nicht nur Bindfäden, sondern sehr dicke Bindfäden. Almas Kopf ist im Bruchteil einer Sekunde nass. Das Drama nimmt seinen Lauf. Wer als Frauchen denkt, eine Morgenrunde sei von existenzieller Notwendigkeit, hat noch nie die Bekanntschaft mit der Hundeblase einer alten, sturen und wasserscheuen Hundeoma gemacht. Ihre Kapazität sprengt die Grenzen des Vorstellbaren.

Während Alma in feinster Zwangsneurosen-Manier wie Jack Nicholson in dem Oskar gekrönten Film „Besser geht’s nicht“ versucht, nur die trockenen Stellen des Gehweges entlang der Hauswand zu betreten, startet die Operation der Task Force One: Alma muss vom Wetter überzeugt werden. Wie eine Primaballerina tanze ich fröhlich glucksend durch den Regen, drehe gekonnt waghalsige Pirouetten und fühle mich so völlig nass einfach schwerelos. Umso tragischer ist, dass der anhaltende und das Fenster runterkurbelnde Autofahrer nicht der Chef-Choreograf des russischen Staatsballettes ist und mich als ersten Schwan, sozusagen als Mutterschwan, für das gleichnamige Ballettstück abwerben möchte, sondern lediglich nach dem Weg fragt. Eine bodenlose Frechheit und herbe Enttäuschung für meinen gestählten Astralkörper.

Alma hat währenddessen erkannt, dass ihre Lage keine Aussicht auf Rettung zulässt. Sie ergibt sich ihrem Schicksal und hockt sich ins Gras. Wie kann man einen ehemaligen Tierheimhund nur so etwas antun. Ihren Regieanweisungen nach, müsste genau in diesem Moment eine dicke Träne von der Lefze auf den nassen Gehsteig tropfen. Das Drama hat aus uns beiden Verlierer gemacht. Mehr als eine halbherzige Pfütze kann ich von Alma wohl nicht erwarten.

Wir treten den Heimweg an. Weit sind wir nicht gekommen. Nur fünfzehn Schritte und wir befinden uns wieder im sicheren Schutz der Eingangstür. Ich bin erleichtert, aber meine Strafe folgt auf dem Fuß. Vier Treppen und ein Frauchen mit Rücken.

 

Kommt gut durch den Tag!

 

Eure Anja und Frau Alma 

 

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