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 Ich habe bereits im letzten Jahr über unseren Rhythmuswechsel berichtet. Darüber, dass Alma eine echte Oma geworden ist und ich gerade unseren Tagesrhythmus stärker an ihre Bedürfnisse anpassen muss. Heute soll es dazu einen noch etwas ausführlicheren Beitrag geben, da mich das Thema „Alter Hund“ nicht nur in meinem Alltag fortwährend begleitet, sondern mich auch gedanklich sehr beschäftigt.

 

 

Wann wurde Alma eigentlich zur Oma?

 

Natürlich stehen wir nicht eines Morgens auf und entdecken plötzlich, dass aus unseren Hund plötzlich ein Senior geworden ist. Der Prozess ist eher schleichend und manchmal auch gar nicht so leicht zu erfassen. Alma war immer ein sportlicher Hund. Seit dem Zeitpunkt, als ich sie aus dem Tierheim abgeholt habe, lief sie mehrmals in der Woche am Fahrrad. Sie liebte ausgedehnte Joggingrunden mit meiner Mama und war sprichwörtlich nicht tot zu kriegen. Auf der anderen Seite war Alma von Anfang an ein kranker Hund. Jährlich forderten viele Operationen Ruhepausen – es galt Schonzeit! So vermischten sich bei Alma seit jeher stark die Einflüsse von Alter und Krankheit.

Es schien erst gestern gewesen zu sein, als wir noch unsere Fahrradrunde entlang der Saale drehten: eine Stunde Hinweg und zwei Stunden für die Heimfahrt. Der Moment jedoch, in in dem ich endgültig realisierte, dass Alma nun zum älteren Eisen gehörte, kam dann aber erst vor ca. einem dreiviertel Jahr. In Absprache mit unserem Tierarzt und der Physiotherapie, wollte ich mit Alma und dem Drahtesel eine kleine Waldrunde drehen – ein gemütlicher Trab am Fahrrad, ca. 20 Minuten ohne Verkehr, Stolpersteine und Gehetze. Alma liebte das Laufen am Fahrrad so sehr, dass wir uns alle einig waren, es ihr nicht ganz nehmen zu wollen. Dann doch lieber wohl dosiert und mit altersgerechten Wegen. Aus meinem Vorhaben wurde an diesem Tag nichts. Alma konnte einfach nicht mehr mit dem Fahrrad Schritt halten und so sehr ich mich auch bemühte, das Tempo zu drosseln, hätte ich das Fahrrad schieben müssen, um Alma das Mitlaufen zu ermöglichen. Bei jedem sind es wahrscheinlich andere, aber ähnlich Situationen, die einem die Wahrheit ungeschönt vor Auge führen. Es wird immer dieses eine Hobby geben, das man zusammen (oder auch allein) liebte und welches dann irgendwann nur noch als gemeinsame Erinnerung existiert.

 

Was macht das Alter mit Frau Alma?

 

Vieles von dem, was in den zahlreichen Hunderatgebern steht, trifft tatsächlich zu! Man glaubt ja anfangs gar nicht, wie viele Stunden so ein alter Hund schlafen kann und zwar tief und fest! Am Anfang unserer gemeinsamen Zeit, brauchte ich Alma nach getaner Nachtschicht am Schreibtisch noch nicht einmal wecken, um mit ihr noch eine kurze Runde ums Haus zu gehen. Jetzt hat Oma Alma ihre ganz persönliche Zeit, um zur Nachtruhe aufzurufen – nicht nur sich selbst, sondern auch mich. Sie steht dann meistens vor meinem Bett und möchte, dass es vorbereitet (weil ausziehbar) wird. Es reicht ihr auch nicht mehr aus, alleine darin zu liegen. Wenn, dann doch bitte auch alle! Wenn ich keine Frühschicht habe, schläft Alma bis ca. 10.00 Uhr. Vorher brauche ich, vor allem im Winter, gar nicht erst den Versuch wagen, sie zum Aufstehen zu überreden.

Nicht nur Frau Almas Schlafgewohnheiten haben sich verändert, sondern auch ihr Bedürfnis nach Nähe. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass sie fortwährend den Raum wechselte, wenn auch ich vom Arbeitszimmer in die Küche oder das Wohnzimmer gewandert bin. Jetzt ist es die Regel. Kaum im neuen Raum angekommen, kann sie ihr Schläfchen fortsetzen, als wäre nichts gewesen. Gerade in den letzten Monaten ist sie sehr anhänglich geworden, sucht auch draußen häufig Blick- und Körperkontakt. Wahrscheinlich auch, weil sie mehr und mehr auf unsere Hilfe angewiesen ist. So fällt ihr beispielsweise das Treppensteigen immer schwerer. An Tagen, an denen es besonders schlimm ist, setzt sie sich vor uns hin und möchte hinauf getragen werden.

Wir haben unsere Wohnung so gut es geht auf Almas neue Bedürfnisse ausgerichtet. Ein großer neuer Teppich liegt vor der Couch, um ihr den Aufstieg auf das Sofa zu erleichtern, sollten wir nicht Zuhause sein. Im Flur dient eine Schmutzfangmatte als sichere Insel vor rutschigen Bodenfliesen. Mein Ikea-Bett, welches ich ausziehen kann, bleibt auch tagsüber vorbereitet, wenn ich auf Arbeit bin, damit es für einen Sprung auf die Matratzen nicht zu hoch ist. Ich weiß, dass Alma immer den Platz auf dem Bett einnimmt und sich dieses Ritual wohl auch nicht nehmen lässt. Extra für Alma haben wir eine Rotlichtlampe gekauft, die der alten Lady nach einem kalten oder anstrengendem Tag Wärme spendet und zur Entspannung beiträgt. Da wir in den letzten Wochen festgestellt haben, dass Alma auch immer schlechter im Dunkeln sehen kann, lassen wir ihr zudem eine kleine Lampe an, wenn wir außer Haus sind, um ihr bei der Orientierung zu helfen. Natürlich kennt sie die Wohnung wie ihre Westentasche und wir verändern nicht permanent die Einrichtung, aber wir haben einfach das Gefühl, dass es ihr hilft.

Unsere gemeinsamen Spaziergänge sind in den letzten Monaten immer kürzer geworden. Dafür gehen wir jetzt viele kleinere Runden und versuchen diese so interessant und abwechslungsreich wie möglich zu gestalten. Gerade im Winter meiden wir glatte Gehwege, weil Alma schon des Öfteren einer Rutschpartie auf allen Vieren zum Opfer gefallen ist. Im Sommer schlenderten wir oft bis zum 15 Minuten entfernten Saalestrand. Gemeinsam haben wir uns auf einer Decke häuslich niedergelassen und zusammen entspannt. Alma hat einen gefüllten Kong bekommen oder konnte während des Essens gemütlich Enten beobachten. Unsere gemeinsame Quality-Time gibt es eben immer noch, sie hat sich bloß auf ihre Weise verändert.

Für Alma haben Rituale im Alter an besonderer Bedeutung gewonnen: der gefüllte Fressnapf nach dem Spaziergang, das gemeinsame Zubettgehen, das abendliche Fernsehgucken auf der Couch oder eine Spieleinlage mit einem ihrer zahlreichen Quietschetierchen.

 

Und was macht Almas Alter mit mir?

 

Es ist eine eigenartige Mischung aus Fürsorge, Besorgnis, Angst, Glück und tiefer Dankbarkeit! Ich bin ständig in Sorge, weil in den letzten Monaten gesundheitlich so viel auf Alma zugekommen ist. Weil ich jeden Tag sehe, wie Almas Hinterläufe von Tag zu Tag schwächer werden und sie immer mehr Probleme damit bekommt, Bordsteine zu überqueren, Stufen zu steigen, aufzustehen oder kleine Hindernisse zu überwinden. Das macht mir Angst, große Angst sogar.

Ich merke immer mehr, wie hilfebedürftig sie ist und es ist ein so warmes und unbeschreibliches Gefühl, dass sie bei mir diese Hilfe sucht und sie zulässt. Das Alter hat uns noch näher zusammenwachsen lassen. Wenn sie neben mir im Bettchen lieg, oder im Zug oder der Straßenbahn auf meinen Schoß klettert, weil sie Probleme hat, auf dem harten Boden zu liegen, dann möchte ich sie am liebsten nicht mehr loslassen und vor allem und jedem beschützen

Wir kennen uns erst sieben Jahre, aber es kommt mir wie eine Ewigkeit vor, auch wenn unsere gemeinsamen Jahre wie im Flug vergangen sind. Ich kenne fast jedes Haar an ihrem Körper, weiß, welche Stellen wieder etwas weißer geworden sind. Betrachte ich alte Fotos, kann ich manchmal gar nicht glauben, wie sehr wir uns beide verändert haben. Sie hat jetzt einen anderen Ausdruck im Gesicht. Ihr scharfer Blick ist weicher geworden und ihre Augen trüber. Sie hat diese weißen Augenbrauen bekommen, die in das Weiß ihrer Lefzen übergehen und die so niedlich bei ihr aussehen.

Wenn wir uns anschauen, habe ich immer das Gefühl, dass wir uns beide blind verstehen und dass es nichts zwischen uns gibt, außer Liebe und grenzenloses Vertrauen.

Auch ich bin ruhiger geworden. Mittlerweile sehe ich viele Sachen in puncto Erziehung gelassener. Vielleicht auch deshalb, weil wir wie ein kleines Uhrwerk funktionieren, das nur manchmal, an der ein oder anderen Stelle, etwas nachgezogen werden muss.

Gleichzeitig habe ich Angst, Alma zu verlieren. Bisher konnte sie alle gesundheitlichen Kämpfe für sich entscheiden und hat nie aufgegeben. Manchmal ertappe ich mich dabei, zu denken, es könnte doch für immer so weitergehen. Ich weiß, dass uns nicht mehr viele Jahre bleiben, aber ich bin sehr dankbar, auch diesen Abschnitt des Weges mit ihr gemeinsam gehen zu können!

 

Passt gut auf euch und eure Senioren auf! Sie brauchen uns, aber wir brauchen sie noch mehr!

 

 

Eure Anja 

 

 

 

Titelbild by Wundertüte

Kommentare

WarnowTatzen
08.01.2017 23:30

Wow, das ist eine wirklich schöne und vorallem ehrliche Liebeserklärung.

 

Ich muss ehrlich gestehen, dass es mir schon vor genau dieser Zeit graut. Ich hab wirklich Angst, Adgi zuzusehen, wie er immer älter wird.

Wir wünschen euch eine lange und schöne Zeit zusammen!

 

Anika und Adgi von den WarnowTatzen

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