23.10.2016
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Ich bin ein großer Fan des Projektes „Start ins - neue - Leben“, welches durch die Hunde-Akademie Perdita Lübbe-Scheuermann und der Tierschutzorganisation TASSO initiiert wurde und alleine auf Facebook bereits mehr als 11.000 Unterstützer und Befürworter hat. Was das besondere an diesem Projekt ist? Es bietet durch spezielle Trainingsprogramme den sogenannten schweren Fällen der Tierheimhunde eine Chance auf Vermittlung. Hunde ohne jegliche Perspektive bekommen noch einmal die Möglichkeit, neu durchzustarten!

Da ist aber noch eine andere Sache, die mich ganz besonders von dem Konzept des Projektes überzeugt: die ehrliche Beschreibung der tierischen Klienten. Perdita Lübbe-Scheuermann und ihr Team legen alle Karten auf den Tisch, ein Pokerspiel wird aus der Vermittlung der Tierschutzhunde nicht gemacht und darin unterscheidet sich „Start ins – neue - Leben“ von meinen eigenen, ganz persönlichen Erfahrungen!

Alma war in jeder Hinsicht eine Mogelpackung: Sie war aller Wahrscheinlichkeit nach weder in einem zarten Alter von einem Jahr, noch vertrug sie sich „bloß“ mit kleinen Hunden nicht. In Wahrheit stand sie mit so ziemlich jedem Hund auf Kriegsfuß und anhand ihrer Krankengeschichte ist davon auszugehen, dass sie mindestens vier Jahre alt war. Dass sie jagdlich hoch ambitioniert war, verschwieg man, es hatte ja schließlich auch keiner nach gefragt! Soweit zu den Fakten und damit weiter zu der Frage, wie es Alma damals überhaupt vom thüringischen Gotha in das sachsen-anhaltinische Magdeburg verschlagen konnte.Frau Alma war sozusagen wie die Jungfrau zum Kinde ins FERNSEHEN gekommen, genauer gesagt in die Sendung „tierisch tierisch“ vom MDR. In der Sendung werden wöchentlich Tiere aus dem Tierheim vorgestellt, man kann als Interessent anrufen und wird anschließend für den jeweiligen Hund gecastet. Hat man Glück, kommt man ins Finale und kann dann seinen neuen Mitbewohner abholen. Bei uns war dies an einem Samstag, da das Kamerateam noch einmal Almas Auszug aus dem Tierheim begleiten wollte. Eigentlich war Alma gar nicht für die fernsehtaugliche Auswahl des Tierheimes vorgesehen, aber da sie relativ klein und geschmeidig war und optisch gut neben Uta Bresan auf die Bank passte, erhielt sie die letzten Sendeminuten zur Vorstellung ihrer Persönlichkeit: sportlich, jung, verschmust, freundlich – also ein echtes Goldstück, ein Sechser im Lotto sozusagen.

Zuhause angekommen musste ich sehr schnell feststellen, dass Alma Menschen gegenüber eher skeptisch gegenüberstand und dass sie es mit jedem Hund aufnahm, der in ihre Nähe kam! Und ganz ehrlich, es gab sehr viele Momente in den ersten drei Jahren, die mich einfach überforderten. Ich hatte mir doch alles ganz anders vorgestellt: Ich wollte neue Bekanntschaften machen, Freundschaften schließen und in einem Hundeverein mein neues Wirkungsgebiet finden. Meine Träume konnte ich damals also erst einmal ad acta legen, es gab einfach zu viele Baustellen. Zudem gestaltete sich die Suche nach einem kompetenten Hundetrainer viel schwieriger als ich dachte.

Vielleicht hatten die Tierheimmitarbeiter keinen vollständigen Überblick über das Ausmaß von Almas Verhaltensauffälligkeiten, aber ich bin mir sicher, dass die sie damals um die Ansätze dieser Probleme wussten (Sie waren ja so massiv, dass man sie kaum übersehen konnte!). Darauf hingewiesen hat mich natürlich keiner.

Das ist eben auch die Gefahr, wenn man einen Hund so mir nichts dir nichts aus dem Tierheim holt, ohne die Möglichkeit gehabt zu haben, sich gegenseitig erst einmal kennenzulernen. Damals hatte ich mich zwar bereits mit Hunden auseinandergesetzt, Bücher gelesen, brav Martin Rütter im Fernsehen geschaut, aber auf Alma war ich als Hundeneuling nicht vorbereitet. Ich hatte damals großes Glück, denn ich war als Studentin zeitlich sehr flexibel, hatte eine Familie, die mich unterstütze und war ungebunden. Ich konnte mich also ganz auf mein haariges Problem konzentrieren, aber das ist eben nicht die Regel. Ich habe oft darüber nachgedacht, was wohl aus Alma geworden wäre, wenn sie z.B. in eine Familie mit Kindern und berufstätigen Eltern vermittelt worden wäre. Wie hätten sie wohl reagiert, wenn Frau Alma sich wütend auf den nächstbesten Hund geworfen hätte, in der Absicht, ihn massiv zu beschädigen? Was wäre gewesen, wenn sie mal wieder stiften gegangen und die Schleppleine als einzige Lösung geblieben wäre?

So ein BLIND DATE im Fernsehen ist also mit größter Vorsicht zu genießen. Natürlich freue ich mich, wenn Hunde aus dem Tierschutz ein neues Zuhause finden und es gibt nicht immer DAS perfekte Zuhause. Eine transparentere Charakterisierung der Hunde ist aber sowohl den Hunden als auch den zukünftigen Haltern gegenüber nicht nur fair, sondern beugt mit Sicherheit in vielen Fällen auch der erneuten Abgabe des Hundes vor.

Ich bin mir ganz sicher, dass man sich aber trotzdem in diese schweren Fälle verlieben kann (Schließlich hätte ich Alma auch nicht mehr rausgerückt!)!

Aus meinem nahen Umfeld gibt es immer wieder Vorbehalte gegenüber Tierheimhunden, die unter anderem daraus resultieren, dass es eben auch diese Mogelpackungen mit besonderem Überraschungsmomenten gibt. Ja klar, ich kann das wohl am wenigsten leugnen, aber es gibt eben auch die anderen Exemplare. Vielleicht würden daher ehrlichere und schonungslosere Hundeportraits auch dazu beitragen, dass ein Hund aus dem Tierheim für mehr Menschen eine realistische Option ist. Dann könnte ein jeder für sich überlegen, welchen Charakterzügen, Marotten, Angewohnheiten und Verhaltensproblemen er sich gewachsen fühlt und erlebt sein blaues Wunder nicht erst, wenn der neue Mitbewohner eingezogen ist! Ich würde es mir wünschen!

 

Die Mogelpackung und ich, wir machen uns jetzt an die frische Luft! Genießt euren Sonntag!

 

Eure Anja und Frau Alma

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